Leben und Lernen
Dies Antlitz Adams, das man eingebunden,
Ein Bildnis ist's, das man in Pein gebunden.
Bald engel, bald Dämon, bald wildes Tier-
Was für ein Talisman, wie fein gebunden!
{
Ein jedes Staubkorn hunger so,
bis
es von Gottes Tafel zehrt.
Sie speisen bis zum Jüngsten Tag,
die
Tafel wird doch nie geleert.
Ob man am Tisch der Ewigkeit
auch
viele Leute lärmen hört,
sie aßen und sie essen noch.
Es
nimmt nichts ab; die Tafel währt.
{
Dies Badehaus, wo böse Geister
hausen,
das Satan dient als Rastort und als Klause,
schiließt doch auch Feen ein und Feenschöne.
So birgt oft Heil, was Unheil schien von außen.
{
Du mußt die Seele ermüden
im Erdenlauf!
Man deutet auf dich mit dem Finger. Nimm es in Kauf!
Bist du ein Mensch, mußt dich zu Menschen finden.
Bist du ein Engel, so steige zum Himmel auf!
{
Ich sprach zu mir selber: Nicht besser
als
andre zu sein begehr!
Sei eher ein Balsam für Wunden
als
stechend wie ein Speer!
Willst du, daß dir kein Böses
von
andern widerfahr,
So mache den Anfang: Nur Gutes
du
rede, denke, lehr!
{
Ich sprach: "Was soll ich tun?"
Und Er:
"Nur
immerfort: "Was soll ich tun?"
Ich sprach: "Verschreib 'was Besseres
als
dieses Wort: "Was soll ich tun?"
Da blickt Er mir ins Aug' und sprach:
"O
der du fromm zu sein begehrst,
Solang du lebst, halt daran fest
an
jedem Ort: "Was soll ich tun?"
{
Ist auch dein Reden Gold und golden
deine Hufe,
Das ändert keinen Deut an deinem schlechten Rufe!
Der goldne Sattel macht ein Roß von neidrer Art
nicht tauglicher zum Ritt. Das merk dir zum Behufe!
{
Wem Wissen und Verstand von Gott gegeben,
Dem traut Er zu die Sorge für sein Leben.
doch wem Er einen hohlen Kopf verlieh, den stopft
Er voll mit Gold, den Schafen zu beheben.
{
Nacht ward es, und die Menschen Träume
weben
den Fischen gleich, die da im Wasser schweben.
Wird's Tag, sie sich zu Hab und Gut begeben.
Nur wenig sind's die sich zu Gott erheben.
{
Wie manche Droge nur den Schmerz vermehrt!
Wie manches Reich die Menschen zittern lehrt!
Nur Gottesfurcht erhält das herz dir warm,
Nicht jene Furcht, die warm in kalt verkehrt!
{
Solang mein Joghurt-Topf
vor
mir steht, nah zum Greifen,
werd ich um Honih nicht
vor
fremde Häuser laufen!
Mag auch Bedürftigkeit,
ja
Tod, ins Ohr mich kneifen,
ich will die Freiheit nicht
um
Sklaverei verkaufen!
Traumbild
des Herzens. Hundert Vierzeiler.
von Dschelaleddin Rumi,- Manesse-Vlg.,
Stuttgart Erscheinungsdatum: 1992
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